Sie sind hier: Archiv

Archiv


Literarische Reise 07.11.2012

Bevor Du gehst

Das Thema des Leseabends war ganz bewusst für diesen Novembertag ausgewählt. Der Zuhörer nimmt in dieser eher stillen und besinnlichen Jahreszeit des Gedenkens sensible Texte weit bewusster in sich auf als an einem hellen Sommertag. So ging auch der Abschiedsbrief eines krebskranken Mitarbeiters an seine Kolleginnen und Kollegen arg unter die empfindsame Haut.

Altarkreuz

und Themendia ´Bevor Du gehst`

 

 


Günter Steiniger (oben) und Alois Kessel während der Lesungen


  

Wie oft muss der Mensch Abschied nehmen - auf unterschiedlichste Art. Abschied von der Familie, von Freunden, ja auch vom eigenen Leben auf dieser Welt. Aber beim Gehen können wir auch Neues entdecken und empfangen, wie es Pater Alois in seiner Begrüßungsrede ausdrückte. In einer Lesepassage, die den nahen Tod des Hl. Franz von Assisi beschreibt, fordert Franziskus gar den Tod zum Lobpreis auf und lädt ihn ein, sein Gast zu sein mit den Worten: "Sei willkommen, mein Bruder Tod!".

Über einen überraschenden, aber glaubensstärkenden Abschied berichtet das Lukas-Evangelium, aus dem der ergreifendste Textabschnitt vorgelesen wurde: Die Emmausjünger sahen ihren Herrn, nachdem sie ihn beim Brotbrechen erkannt hatten, plötzlich nicht mehr - ein Abschied, in dem jedoch den beiden Weggefährten der Sieg über den Tod zutiefst bewusst wurde.

Das auf einer großen Leinwand projezierte Gemälde ´Weizenfeld mit Raben` von Vincent van Gogh brachte die Besucher durch den vorgetragenen Betrachtungstext in die sinnliche Wahrnehmung des ständigen Entstehens und Vergehens. So wie das Weizenfeld sind auch wir irgendwann ´reif zur Ernte`. Der Mähdrescher wird kommen, die Ähren werden fallen. Wir leben von dem, was daraus wird: dem Brot der Hoffnung.

Nachdenklich machte der an diesem Abend vorgelesene Brief des vom damaligen Volksgerichtshof zum Tode verurteilen Klaus Bonhoeffer, den er an seine Kinder richtete: "Ich werde nicht mehr lange leben und will nun von Euch Abschied nehmen." Klaus Bonhoeffer, Bruder des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, wurde im April 1945 ermordet. Dieser ´Abschied` wurde von einem gnadenlosen Regime verordnet und letztlich durch Menschenhand vollzogen.

Nach den so leidvollen Abschieden, von denen die Zuhörer in den vorausgegangenen Vorlesungen gefangen wurden, regte die zum Schluss der Literarischen Reise vorgetragene Geschichte dann doch zum Schmunzeln an: Kindliche Enttäuschungen musste ein kleiner Junge hinnnehmen, weil sich seine vom Großvater geschenkte Taube immer wieder ´verabschiedete`, um in Großvaters heimischen Taubenschlag zurückzufliegen.

Wie an jedem Ende eines Literarischen Abends fanden sich dann auch heute wieder die Zuhörer bei einem Glas Wein zur Gesprächsrunde in der Kirche ein.

Die nächste Literarische Reise mit dem Thema ´Leben - aber miteinander` wird am 20. Februar 2013 um 19°° Uhr stattfinden.

(Alois Kessel)